MERMAID, METALLICA UND MODE - ODER WIE WIR UNSERE WEISSE WESTE ZURÜCKGEWINNEN!

von Alexandra Otto 23/04/2020
ENJOY SHOPPING!
MERMAID, METALLICA UND MODE - ODER WIE WIR UNSERE WEISSE WESTE ZURÜCKGEWINNEN!

„Mode war von jeher ein Spiegel der Gesell­schaft. Ein Röntgenbild.“ So schreibt Suzy Menkes, eine der bedeutendsten Mode­journalistinnen unserer Zeit, im Vor­wort zur großen Enzyklopädie Fashion Designers A­Z. Kleider sprechen die Sprache der Menschen ihrer Zeit. Sie versinnbildli­chen Gesellschaft, Politik und Wirt­schaft einer Generation und das in unterschiedlichen Saisonen. 

Von den opulenten Kreationen einer Marie Antoinette, die mit ihrem ausschweifenden Lebens­stil Stilmittel für Kreative unse­rer Zeit vorgegeben hat, über die schlichte Eleganz einer Coco Chanel, die mit ihrem kla­ren Bekenntnis zur Einfach­heit ein Aufatmen für die Damenwelt kreierte, bis hin zur androgynen Interpretation von Mode einer Jil Sander.
Frauen sind mit ihrer Fähigkeit, Empathie zu zei­gen, Feinsinn für Situatio­nen zu schaffen und als Radar der Gesellschaft besonders offen für Veränderungen und Schwingungen in der Mode. Sie nehmen schneller Neues auf, inter­pretieren es zu ihren Gunsten und haben den Mut, zu zeigen, wohin die Reise gehen soll. 

MERMAID, METALLICA UND MODE -
ODER WIE WIR UNSERE WEISSE WESTE ZURÜCKGEWINNEN!

RETRO-GLAMOUR Hier möchte ich mit Ihnen teilen, wohin Sie auch Ihr nächster Weg führen könnte. Es sind dies die Trends für das Jahr 2020. Doch vorweg erlauben Sie mir folgenden Hinweis. Ich selbst habe bei und mit mei­ner Kleidung aufgehört, Trends akribisch umzusetzen. Es sind schon einige Jahre ins Land gezogen, seitdem ich meinen eigenen Stil gefunden habe – eine Mischung aus Retro, Eleganz und Vintage­Gla­mour. Das hat einen ganz einfachen Grund: Es schmeichelt meiner Figur am meisten. Busen, schmale Taille, gut gelaunte Hüften. Die Silhouette des New Looks von Dior bringt das für mich persönlich am besten zur Geltung. Was aber nicht bedeutet, dass ich nicht auch gern mit Farben, Materialien und Trends spiele, die im Heute zuhause sind.

Sehr zugearbeitet hat mir in diesem Jahr niemand Geringerer als Balmain persönlich. Das Chinched Waist Blazer Dress in schwarz und weiß sieht aus, als hätten Dior und Chanel das geschafft, was ihnen zeitlebens verwehrt wurde – eine Freundschaft! Halb Cocos Kostüm, halb Kleid von Christian und, voilá, selbst Twiggy hätte schon in den 60ies ihre Freude damit gehabt.

KURVENSCHMEICHLER Gleiches gilt für das Schößchen. Gesehen bei Khaite, Ulla Johnson und Christopher John Rogers. Es ist im kommenden Jahr wieder voll im Trend und schmeichelt Frauen, die gern ihre Kurven an der richtigen Stelle betonen. Hier geht es um eine Akzentuierung, die im Gleichgewicht zum restlichen Körperbau stehen soll. 

KLASSIKER TRENCHCOAT Sehr klassisch präsentiert sich auch dieser Trend: Trenchcoats! Der Evergreen für das 
„Oben-drüber“ hat einfach alles: zeitlose Eleganz, sportliche Einfachheit und den richtigen Umgangston für jede Situation. Designer verpassen dem Trenchcoat einen neuen Look, bleiben aber seiner Linie treu: eine schmale Taille und meistens in der Farbe beige. Das „Wie“ wurde allerdings verändert: Rüschen, Cut-Outs, neue Stoffe. Das alles verpasst diesem Klassiker ein neues Gesicht und erlaubt Designern eine zielsichere Sympathie des Kunden, der die 
Neuinterpretation versteht und trotzdem Modebewusstsein an den Tag legen darf. So was nennt man auch in der Mode eine Win-Win- Situation …

WEISSE WESTE Darf man Fashionscouts Glauben schenken, dann ist auch das weiße Hemd ein großes Thema im kommenden Jahr. Wie? Was? Schon wieder? Genau das werden Sie jetzt sagen. Doch genau in diesem sich ewig 
wiederholenden Revival wird gezeigt, dass Mode eben auch nur von der Renaissance ihrer selbst lebt. Was kann schon schiefgehen bei einem weißen Hemd? Das wären jetzt vielleicht Ihre Worte. Wo bleibt da der Mut? Der Wow-Effekt? Die Extravaganza? Im Material, im Schnitt, in der Ausführung. Ich empfehle Ihnen sehr, in diesen Trend auch tatsächlich zu investieren. Finden Sie Ihr perfektes weißes Hemd. Jenen Ritter in ihrem Kleiderschrank, der Sie sofort zu einer Erscheinung macht. Und das unaufgeregt oder fordernd. Lassen Sie sich hier auf keine Experimente ein, sondern setzen sie einmalig auf richtig gute Qualität und sie werden sehen, dieser Trend begleitet Sie ein Leben lang und in allen Situationen. Heuer sieht man das Hemd im Unisex-Schnitt. Das nur zur Vollständigkeit … für Ihre eigene 
Recherche.

GESCHICKT GERAFFT Wem wie mir die Kleider alter Hollywood-Diven gefallen, der sollte auch wissen, dass selbst hier die Designer schon auf ihre Vorfahren zurückgegriffen haben. Wem die sanft fallenden Stoffwellen eines Kleids von Kostümbildner-Legende Adrian gefallen, der darf nicht nur wissen, dass er mit seinen Kreationen so gut wie alle Metro-Goldwyn-Mayer-Mädchen zu Leinwandgöttinnen gemacht hat, sondern dass selbst er auf antike Vorlagen  zurückgegriffen hat. Das kommt heuer wieder. Raffungen bei Kleidern, als hätte Nike von Samothrake persönlich am 
Design ihrer Statue mitgewirkt, finden sich heuer auf den Laufstegen wieder und damit auch auf den heimischen Red Carpets. Ich schätze diesen Trend sehr. Denn … Sie wissen ja schon ... er kommt auch meinen gut gelaunten Hüften sehr zugute.

DER DURCHBLICK In eine ähnliche Kerbe schlägt das Revival von Organza, gern gesehen als zartes Blüschen in allen Farben. Models tragen Organza am Laufsteg ohne Wäsche und mit viel nackter Haut. Wir entscheiden uns dazu in einer Kombination mit einem zarten Seidenhemdchen. Gewagtere unserer Spezies kombinieren dazu verführerische Unterwäsche – wohl bekomm‘s! Jeder wie er mag. Man kann dazu passend allerdings auch gleich einen weiteren Trend anführen: Satin! Er umspielt unsere Haut wie eine wohlwollende Creme. Tuned uns sofort auf sanfte Weiblichkeit und ist auch beim männlichen Gegenüber sehr beliebt. Ganz allgemein sei gesagt: Geizen Sie nicht mit Ihren Reizen! Die neue verbotene Körperstelle, die man ab sofort gern zeigt, ist das kleine Etwas von Haut direkt unter ihrem Busen, 
dort, wo ein Sixpack anfangen würde. Interessante Cut-Outs lassen die Stoffe bei den Fashionweeks rund um den Erdball genau an dieser Stelle auseinanderklaffen. Sehr sexy, sehr subtil. Danken Sie dafür Staud, Brandon Maxwell und Proenza Schouler.

LUST AUF LEDER Besonders interessant dazu ist allerdings die Kombination mit Leder. Egal, welche Stofflichkeit dabei die Ihre ist – rau, glatt oder matt: Leder bleibt, als Mantel, Rock und Jacke. Gerne auch in Farbe. Knalligere Töne für das Material unserer Vorvorfahren zeigt vor allem die Fashionweek in Mailand. Hier muss der Trend zu tierfreundlicherer Mode noch an einer großen Kurbel drehen. Vielleicht kann ich Sie von Ersatzmaterialien überzeugen, die in ihrer Verarbeitung genauso aussehen wie Leder, allerdings nichts mit einem echten Tier zu tun haben. Qualität geht nämlich auch so und ist als allumfassender Trend zur Nachhaltigkeit wirklich erstrebenswert. Hier muss ich mich auch selbst noch mehr an der Nase nehmen …

INS NETZ GEGANGEN Pariserinnen gehen einem ganz anderen Trend ins Netz, und zwar einem ausgesprochen feinmaschigen. Großstadtnixen lassen sich modisch damit einfangen, und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass letztendlich Disney dahintersteckt. Der Rob Marshall-Film mit Halle Bailey in der Hauptrolle kommt 2021 in die Kinos, und vielleicht sind das schon die modischen Vorboten dazu, vieles davon ganz in schwarz. Harper´s Bazaar nennt den Trend „Mermaid after dark“. Besonders mystisch umgesetzt wurde er von Vera Wang, Cong Tri und Gabriela Hearst.

SPICE GIRLS Farblich geht es in diesem Jahr übrigens direkt in den Gewürzschrank: Ingwer, Safran, Kurkuma,  Pistazie, Pfirsich und Paprika. Entweder all over oder als Highlight in Kombination mit zartem Beige oder Braun. Gerne gesehen an langen Beinen, die einem weiteren Trend in Neuauflage folgen. Die Bermuda ist wieder da! Zuletzt gesehen an den Beinen meiner Mutter bei meiner Erstkommunion, also vor längerer Zeit… Des einen Freud ist des anderen Leid. Denn etwas kürzer geratene Gazellenbeine setzen hier wohl eher auf den Trend der Jodhpur-Hose. Zwar auch kein Silhouetten-Garant, aber erwähnt sollte dieses Beinkleid zumindest sein für diejenigen, die einfach alles tragen können; darunter fallen auch Liebhaberinnen von Mikro Minis. Saint Laurent legt dabei eine gelungene Variante in schwarz vor – so cool, dass selbst „Thelma & Louise“ noch was dazulernen können.

WIR HABEN DIE HOSEN AN! Apropos Beinkleid: Anzüge, so weit das Auge reicht. Die New Yorker Laufstege zeigten sie zukunftsweisend in allen Farben und Formen und bestätigen damit nur das, was wir Frauen schon lange wissen: Wir haben hier die Hosen an! Tory Burch, Mara Hoffman und Adeam bieten für diese Zwecke auch wunderschöne Versionen in weiß an. Die absolute Versinnbildlichung eines eleganten Auftritts. Die Frau in weißem Anzug. 

METALLICA Ganz stark auch Metallic in nächster Zeit. Ob als mutiges Detail im Gesamtoutfit oder all over, ultraviolett, silber oder gold. Gern auch als anschmiegsames Abendkleid für den großen Wow-Auftritt. Der in Wien lebende Designer Niko Niko macht es vor, und die Damenwelt folgt ihm. An dieser Stelle soll auch noch eine besonders außergewöhnliche Farbe erwähnt sein: leuchtendes Neon-Grün, zuletzt gesehen in meinem Federpenal, macht die Farbe, die ich sonst nur von meinem Stabilo-Textmarker kenne, Furore bei Jonathan Simkhai, Tibi und Rosetta Getty.

GLOSSY Nur am Rande sei hier erwähnt, wie man das Haar heuer trägt. Hier gilt die Devise: „Less is more“. Vor allem die französischen Modehäuser zeigten bei den Schauen in Paris eine Tendenz zum Mittelscheitel im Stil der 60er- und 70er-Jahre. Dazu durchsichtiger Lipgloss – so glänzend, dass man sich darin spiegeln kann. Mugler und Giambattista 
Valli schickten ihre Models mit diesen Mündern – fast schon zum Picken bleiben – über den Laufsteg. Balenciaga setzte bei der bestimmt am meisten diskutierten Show neue Maßstäbe. Models mit überdimensional modellierten Wangenknochen und Lippen. Die Special Effects-Künstler Inge Grognard und Alexis Kinebanyan arbeiteten hier Hand in Hand für den super unnatürlichen Look.

PÜNKTCHEN UND ANTON Viel lieber ist mir da der Trend zu Polka Dots. Die Kreise auf Stoff haben den Staub eines Faschingskostüms wohl abgeschüttelt und werden uns jetzt im Frühjahr wortwörtlich rundum glücklich machen. Bei  Carolina Herrera by Wes Gordon ganz klassisch in schwarz und weiß. Finde ich persönlich ansprechend als Akzent bei einem Hingucker-Stück, aber nicht als Ganzkörpervariante. Achtung, Harlekin-Alarm! Wer Print liebt, dem werden Rosen zu Füßen gelegt ... und auf die Schultern, Bauch und Beine. Carolina Herrera, Lela Rose und Prabal Gurung verteilen unter ihren Fans Blumenprints als Eyecatcher, und hier hat die Königin der Blumen das Sagen. Rosen überall 
und in allen Größen und Farben. Das macht es noch schöner, den Frühling zu begrüßen und wie leicht man sich damit auch selbst einmal Blumen schenken kann ...?!

GO YOU! Das rundum Sorglos-Paket wollen auch Designer wie Proenza Schouler, Rosie Assoulin oder Michael Kors bieten. Taschen, perfekt abgestimmt auf das Outfit, sind kein Zeichen mehr davon, dass man als Stilvorbild seine Oma hat, sondern zeigen die perfekte Symbiose aus Fashion und Accessoires. Yes, it´s that easy! 

Einfach soll es Ihnen beim Einkauf auch unser Shopping Guide machen. Wir zeigen Ihnen, bei welchen exklusiven Anlaufstellen Sie alle Trends und die Laufsteg-Looks bekommen können – ausgezeichnete Beratung inkludiert.  Finden Sie dabei Ihren eigenen Trend. Ob metallisch glänzende Großstadt-Meerjungfrau nach Mitternacht, klassische  Businesslady mit weißem Hemd und Trenchcoat auf dem Weg zum nächsten Meeting oder romantische Leinwandgöttin aus Organza und Seide – es gibt keine Vorschriften und damit auch keine Grenzen. Überschreiten Sie diese trotzdem! Es macht so viel Spaß, einfach alles auszuprobieren, bis man das eine gefunden hat, das den ganz persönlichen Stil definiert. Dabei bleibt man dann. Wird wieder untreu und kehrt reumütig zurück.

Ihre

Silvia Schneider

Foto: Niko Niko Design